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Tipps zur Bilingualität

Bilingualismus: Die natürliche Begabung

Kim Nadine Taubenheim ist unterwegs und hat ihren siebenjährigen Sohn dabei. Sie stellt ihm eine Frage auf Englisch. Wie gewöhnlich. Er antwortet auf Deutsch. Wie gewöhnlich. Sie erntet verwirrte Blicke. Wie gewöhnlich. „Die Leute dachten, ich kann kein Deutsch und dann waren sie teilweise verunsichert.“ Hingegen vieler anderer Leute ist Kim keine Muttersprachlerin im Englischen. Sie hat sich schon immer für die Sprache interessiert und wollte gerade ein Jahr als Au-Pair in Amerika antreten, als sie schwanger wurde. Durch die Liebe zur Sprache war ihr sofort klar, dass auch ihr Kind Englisch sprechen sollte.

Dass Kims Sohn ihr auf Deutsch antwortet, ist gar nicht so ungewöhnlich. Im Gegenteil. Das sogenannte „Codeswitching“, der Sprachwechsel, ist ein bemerkenswerter Prozess, denn er zeigt, wie intensiv das Gehirn arbeitet. Eine neue Sprache heißt eine neue Grammatik, neue Wörter, neue Konstellationen. „Ein Mensch ist nicht die Summe von zwei monolingualen Systemen, sondern ein spezifisches, kognitives und sprachliches Profil“, findet Professor Doktor Barbara Mertins von der TU Dortmund, die sich als einen Schwerpunkt in ihrer Forschung im Gebiet der Psycholinguistik für Bilingualismus entschieden hat. Zwischen zwei Sprachen zu wechseln wirkt einfach, „dabei wissen wir, dass sie erst Codeswitchen können, wenn sie ihre Sprachen beherrschen und zwar auf einem sehr hohen Niveau“, erklärt sie.
Für bilingual erzogene Kinder ist es wie das täglich Brot. Barbara Mertins erklärt weiterhin, dass die Kinder sich ihrem Umfeld anpassen und ganz genau wissen, welche Sprache sie wann benutzen. Wenn ein Elternteil permanent Deutsch redet und irgendwann dann eine andere Sprache mit dem Kind spricht, so kann es vorkommen, dass das Kind dennoch in Deutsch antwortet. Es hat sich gemerkt: Die Person versteht mich auch auf Deutsch. Kims Sohn hat schnell begriffen, wer in seinem Umfeld welche Sprache beherrscht. Wenn ihm etwas nicht passt oder er etwas von seiner Mutter möchte, dann verfällt er in die englische Sprache. Er weiß, dass seine Mutter sich dadurch eher angesprochen fühlt und sein Umfeld ihn oftmals nicht versteht.  „Wir sind in einem Restaurant und er möchte aufstehen und spielen und er weiß, da sind noch andere Leute, dann fragt er in Englisch, weil er weiß, dass ich das verstehe und mich angesprochen fühle und auf Deutsch könnten auch andere das“, reflektiert Kim.

Der Sprachwechsel ist allgemein bereits sehr gut erforscht. So weiß man heute nicht nur über das Codeswitchen von Satz zu Satz Bescheid, sondern auch über den Sprachwechsel innerhalb eines Satzes. „Unter fünf Prozent der Kinder neigen gerade mal dazu“, wie Barbara Mertins erläutert. Es ist ein kleines Phänomen. Hingegen oft passieren falsche Einschätzungen. Barbara Mertins erklärt dies anhand eines Beispiels in Bezug auf einer Reihe von Professor Rosemarie Tracy von der Uni Mannheim, die ihr Publikum raten ließ, welche Äußerungen denn überhaupt von bilingualen Kindern stammen. So ist die Mischform „Kinderwagens“ ein Phänomen des deutschen Plural-„S“ und nicht, wie anzunehmen, das im Englischen angehangene „S“. „Es ist eine gut belegte Strategie von einsprachigen Kindern“, so Barbara Mertins. Kinder so reden zu hören, kann somit schnell zu Missverständnissen und von dort aus zu Vorurteilen führen.

Bilinguale Institutionen sind eine Rarität

Christina Caruso erzieht ihr Kind auf Deutsch und Italienisch. Ihre Söhne, 10 und 6 Jahre alt, mixen so gut wie nie Sprachen. „Manchmal kann es sein, dass ein Wort in einer Sprache noch nicht erschlossen ist und dann fließen einzelne Wörter der anderen Sprache mit ein“, erklärt Christina. Vor allem bei ihrer jüngsten Tochter (3) passiert es häufiger, dass sie erzählt, was ihr in den Sinn kommt.  Christinas ältester Sohn wechselt bald auf eine bilinguale weiterführende Schule, auf der ab der sechsten Klasse hauptsächlich auf Italienisch unterrichtet wird. Soviel Glück hat nicht jeder. Bilinguale Schulen sind eine Rarität in ganz Deutschland und wenn man das Glück hat, in der Nähe von einer zu wohnen, dann ist sie zudem oft noch privat und das Geld können viele Eltern nicht aufbringen.

So geht es auch Kim. Sie wohnt in der Großstadt und hatte dennoch Probleme eine bilinguale Grundschule für ihren Sohn zu finden, die gut zu Fuß erreichbar ist. Genug Möglichkeiten standen zwar zur Auswahl, doch alle privatisiert. „Wir haben eine Schule in der Nähe, die ist nicht ganz so teuer. Aber er hat dann auch keine Selbstständigkeit, kann also nicht alleine zur Schule gehen und wir möchten auch, dass er seinen Schulweg selbstständig bestreiten kann. Wir wollten kein Inselkind“, erklärt Kim. Auch Frau Mertins plädiert für mehr bilinguale Kindergärten. „Ich würde mich freuen, wenn in der Politik erkannt wird, dass nicht nur Bildungssprachen einen Wert haben, sondern in allen Dingen auch Migrationssprachen“. Momentan werden fast ausschließlich Bildungssprachen in bilingualen Einrichtungen unterrichtet. Nur bilinguale Kindertagesstätten scheinen ein kleiner Trend zu werden. Laut dem fmks e.V. (Frühe Mehrsprachigkeit an Kitas und Schulen) gab es im Jahr 2014 bereits über 1.000 in ganz Deutschland verteilt. Das ist eine Entlastung für viele Eltern, die sich schon vor der Geburt für eine bilinguale Erziehung entscheiden und ihr Kind auch in bilingualen Institutionen unterbringen wollen.

Barbara Mertins erklärt, dass der zusätzliche Input, den die Kinder dort bekommen, die Entwicklung stark fördert. Denn ein regelmäßiger Umgang mit beiden Sprachen ist noch immer wichtig und wohl die wichtigste Essenz zum Lernen. Sollte es vorkommen, dass das Kind keinen Input mehr in einer Sprache bekommt, so kann das Kind die Sprache auch ganz schnell wieder verlernen. Deshalb ist es wichtig, seinem Kind neue Möglichkeiten zu bieten, wenn alte nicht mehr im Umfeld zugänglich sind. Diese Möglichkeiten fangen schon sehr früh an. Frau Mertins erklärt, dass Kinder schon drei Tage nach der Geburt sprachspezifisch schreien. „Deutsche Babys schreien beispielsweise mit steigendem Pegel und französische Babys schreien mit fallendem.“  Dieser Input ist auch ganz wichtig für alle Migranten. Das Vorurteil, dass die Kinder kein ordentliches Deutsch erlernen können, wenn die Eltern der Sprache nicht mächtig sind, wird durch den Input entkräftet. Denn solange das Kind sich regelmäßig in einem deutschen Umfeld aufhält, lernt es die Sprache wie jedes andere Kind. Natürlich greifen die Kinder noch oft auf die Muttersprache zurück, denn diese wird in erster Linie gesprochen. Mit Eltern, Verwandten, zu Hause. Sie ist die sogenannte „dominante Sprache“ und somit die erste, auf die zurückgegriffen wird.

Durch Bilingualismus zum „Latetalker“ ?

Ein Mythos hält sich in der frühkindlichen Erziehung noch immer ganz fest: Bilingual erzogene Kinder fangen später an zu sprechen. Barbara Mertins betont, dass es dafür keine belegbaren Daten gibt. „Wenn sie die groben Phasen nach der Geburt anschauen, dann kommt erst das Brabbeln und erste Wortfunktionen, Ein-Zwei-Wort Äußerungen. Im Vorschulalter fangen die Kinder dann an zu sprechen. Es gibt Kinder, die schnell und früh sind und die sogenannten ‚Latetalker‘.“ Sie erklärt, dass Kinder am Anfang in Wortschatz und Grammatik hinterherhinken können, doch die Kinder spätestens in einem Alter von fünf, sechs Jahren auf dem gleichen Stand sind. Egal ob monolingual oder bilingual erzogen.

Kim hat ihrem Sohn erst einmal Deutsch beigebracht. Zwar hat sie ihm schon das ein oder andere Mal ein englisches Lied vorgesungen, aber hat sich in erster Linie auf die deutsche Sprache konzentriert. Sie erzählt, dass ihr Sohn ewig gebraucht hat, bis er gesprochen hat. Und das, obwohl er zunächst monolingual aufwuchs. Mit circa zweieinhalb Jahren jedoch hatte er eine „Wortexplosion“, wie Kim es nennt, und fing an, richtig mit ihr zu sprechen. Ab dem Moment nahm sie sich vor, auch Englisch mit ihm zu sprechen. Es gab englisches Spielzeug, englische Bücher und auch die Unterhaltungen waren von Kims Seite aus alle auf Englisch, „aber er hat immer nur auf Deutsch geantwortet“, berichtet sie. Sie ging davon aus, dass er einfach noch nicht richtig sprechen konnte, denn verstanden hat er ihre englischen Fragen und Aussagen. Ein Arztbesuch brachte Aufklärung. „Er sagte, dass es Kinder gibt, die die Sprache erstmal beobachten und sich die Sprache aneignen durchs hören und dass sie die Sprache gar nicht sprechen wollen und einen Auslöser brauchen, um die Sprache zu reden.“ Der Auslöser war in seinem Fall der Kindergarten. Kim beschreibt ihr Kind als „kleines Phänomen“, denn sobald er in sein neues Umfeld kam, fing er plötzlich an ein sehr gutes Englisch zu reden. Viele Kinder dort waren englischsprachig, kamen aus Familien aus Amerika oder England und somit wurden auch englischsprachige Kurse angeboten. „Als das rauskam, hat er auch angefangen mit mir mehr englisch zu sprechen“, erinnert sich Kim.

Nicht nur die Liebe zur englischen Sprache war damals ein Grund für Kim, ihren Sohn bilingual zu erziehen. Sie war sich schon damals sicher, dass die englische Sprache später viele Wege ebnen wird. Obwohl sie nur mit der deutschen Sprache aufwuchs, zweifelte sie ihre Entscheidung, englisch zu erziehen, nie an.  „Er hat dann ja auch Schulenglisch und ich denke nicht, dass es irgendwann so schlimm ist, dass er in Amerika steht und die Leute nur beleidigt“, erzählt sie lachend. „Den Gedanken sollte man sich da rausnehmen, sonst verunsichert einen das zu sehr und das stellt dann eine Barrikade dar.“
Mittlerweile ist es auch bewiesen, dass Kinder die sprachlichen Fehler nicht übernehmen. Barbara Mertins erklärt, dass sich Kinder in erster Linie an ihrer „Peergroup“, also einer Gruppe von Menschen mit gemeinsamen Interessen, orientieren. Sprachliche Fehler können auch später noch ausgemerzt werden und sind kein bleibender Schaden. Somit können auch die Erziehenden von dem Bilingualismus profitieren, denn sie lernen immer wieder neue Wörter und Phrasen durch ihr Kind.

In dem Buch „Bilingual First Language Acquisition“ erklärt Annick de Houwer die Modelle der bilingualen Erziehung. So ist die Rede vom „One Parent – One Language“-Modell. Einer bilingualen Erziehung, in der ein Elternteil eine Sprache spricht. Neben diesem gibt es noch das „One Parent – Two Languages“-Modell, in der ein Elternteil beide Sprachen spricht, sowie das „Two Parents – Two Languages“-Modell. Hier werden beide Sprachen von beiden Eltern gesprochen. Jedes Modell verspricht eine andere Erfolgsrate und laut Annick de Houwer ist der Erfolg am höchsten, wenn beide Elternteile beide Sprachen sprechen. Eine strikte Trennung der Sprachen ist also gar nicht nötig.

Intuitive und natürliche Begabung zum Multilingualismus

Delia ist Deutsche und wohnt bei ihrem Freund auf der Insel Java, welche ein Teil von Indonesien ist. Nachwuchs ist bereits geplant und es steht fest: Ihr Kind soll an die vier Sprachen erlernen. Auf der Insel kaum anders machbar. Hier kommt der multikulturelle Aspekt ins Spiel, der uns Menschen allen in die Wiege gelegt ist. Viele Länder sprechen mehrere Sprachen beziehungsweise noch zusätzlich indigene Sprachen, also Sprachen von Eingeborenen. So ist es auch auf der Insel Java. Delias Kind soll zuerst mit der Inselsprache aufwachsen und zusätzlich ihre Muttersprache Deutsch lernen. Später wird vor allem durch die Schule Indonesisch und Englisch beigebracht. Bedenken hat sie keine. „Wir denken, die Sprachen werden intuitiv aufgenommen.“ Hoffen tut Delia, dass keine Sprache untergeht. Vor allem Englisch sieht sie als Türenöffner in der Zukunft.

Für Kleinkinder ist es absolut natürlich mehrere Sprachen zu lernen. Das Gehirn nimmt die Strukturen und Wörter in einem rasanten Tempo auf. In dem Buch „Vorschulkinder und Multilingualismus: Hamburg und seine institutionellen Möglichkeiten“ schreibt die Autorin Irina Young: „Die Sprachfähigkeit gehört zu den grundlegenden Merkmalen des Menschseins. Sie schließt die Mehrsprachigkeit ein.“

Bilingualismus ist schon lange nichts Ungewöhnliches mehr und war es auch nie. In vielen Ländern ist der Erwerb einer Zweitsprache ganz normal, da es oftmals nicht nur eine Landessprache gibt. Ganz abgesehen von den vielen indigenen Sprachen. „Man muss sich trotzdem fragen: Was ist die Norm hier, die den Leuten aufgedrückt wird? An der Norm muss man arbeiten und Kernkompetenzen neu definieren“, schließt Frau Mertins ab.

(Autorin: Lydia Kampschulte)